Inspektionsreisen durch die Stilwelt

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Pack die Badehose aus

von

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GREETINGS FROM WANNSEE  Zu heiss, zu voll, zu laut – perfekt!  Wo sollte man an einem Augusttag lieber sein als hier im Strandbad? Von Berlin liest und schreibt man ja gerne, was alles nicht klappt. Geht auch. Wer zum Beispiel als Neuberliner oder Tourist voller Badevorfreude zur Bahnstation Wannsee fährt, hat schonmal den ersten Fehler gemacht: Laufzeit von hier noch 30 Minuten, also länger als die Zugfahrt aus der City, und bepackt mit leichtem Strandgepäck gefühlt anderthalb Stunden (Berliner Logik: Die richtige Station fürs Strandbad Wannsee heisst Nikolassee). Und wer mit dem Auto kommen will, kann gleich umkehren, Parkplätze gibts nur im Winter. Wer es aber irgendwie hier raus an den Südwestzipfel des Grunewalds geschafft und den neuen eher symbolischen Taschensecuritycheck überstanden hat, wird sofort belohnt. Lange Steintreppen führen aus dem Wald hinab in eine Bucht, die wie ein Amphitheater vor einem liegt, spektakulär öffnet sich von Promenaden und Laubengängen der Blick  über Wasser und Himmel. Zeigte man das Ensemble (Baujahr 1928) außer-europäischen Architekturanalytikern, würden viele eher auf die späten Dreißigerjahre tippen. Den langgestreckten 800 Meter-Riegel aus vier Blöcken kann man durchaus mit Kraft-Durch-Freude-Augen sehen. Das hat den Nazis gefallen, denkt man. Hat es aber nicht, im Gegenteil.

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Denn es war ein sozialdemokratischer Bürgermeister, der den Monumentalbau in Auftrag gab: Brüder zur Sonne, zur Freiheit, wörtlich genommen. Die Stahlskelettkonstruktion im Stil der Neuen Sachlichkeit war zwar lang und imposant, den Nazis später dann aber viel zu wenig pompös und sie liessen extra Bäume pflanzen, um sie zu verdecken. Die grösste Überraschung aber ist, wie alles ausgesehen hätte, wäre der Weimarer Republik nicht die Weltwirtschaftskrise dazwischen gekommen. Dann hätte es demokratischen Gigantismus gegeben, geschwungen zwar und durch Abtreppungen gegliedert, aber dreimal so lang wie heute – eine Prora der Republik. Puh, schnell ins Wasser – und sich über das dann doch noch relativ kleine Freibad gefreut!

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Abgekühlt grüsst ROLF

 

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