Inspektionsreisen durch die Stilwelt

GF_Nannen3

Sechs Anfänge und ein Schluss

von

GF_Nannen3

GREETINGS VON FALSCHEN ANFÄNGEN Nein, Greetings From hat nicht den Egon Erwin Kisch-, Stern-, Henri Nannen-, Nannen-Preis bekommen, eher dieser für sein neues Logo –  eine Mischung aus Nespresso- und Uniqlo-Signet – unsere tadelnde Erwähnung des sinnfreiesten grafischen Neuauftritts 2016 (Jurybegründung: N N N N).

Mit einem Erdbeben beginnen und dann langsam steigern – das war Henri Nannens Rat für einen guten Story-Anfang, den er sich aber, wie alle leidenschaftlichen Journalisten, von ganz woanders, nämlich aus einem zynischen Hollywood-Spruch, ausgeliehen hatte. Anfänge also, ein Lebensthema von mir, weil ich mindestens zehn meiner Redakteurs- und Reporterjahre mit meiner Dummheit vergeudet, nämlich meine Texte gegen den Rat erfahrener Kollegen so zu schreiben versucht habe, wie man sie lesen sollte. Also mit dem ersten Satz zu beginnen. Was lange zur Folge hatte, dass ich am späten Abend vor dem Abgabetermin gerne zwanzig bis dreissig verschiedene Anfangsvarianten, aber noch keine weitere Zeile geschrieben hatte. Viel zu langes Intro für den aktuellen Kern meiner Geschichte, eine überraschende Entdeckung meiner ersten winterlichen Berliner Theatersaison: Die aktuellen Stückeschreiber können heute  nämlich überhaupt keine Anfänge mehr und retten sich in das, was in der Hotelbranche „Soft Opening“ heisst. Man fängt früher an, sagt es aber keinem. An fast jedem zweiten Ausgehabend hat auf der Bühne das Spiel schon begonnen, wenn die Zuschauertüren geöffnet werden. Im Deutschen Theater untersuchen Polizisten die Kulisse, in der Schaubühne wischt eine Hausangestellte den Boden,  im Grips-Theater warten Eltern auf den Beginn der Lehrersprechstunde und im Berliner Ensemble liegt der Hauptdarsteller eingeschlafen über seinem Schreibtisch.

Sind vielleicht umgekehrt Schlüsse leichter? Das überraschendste Finale habe ich bei den Berliner Philharmonikern erlebt, und zwar mehrmals, so daß es kein Zufall sein kann: Wenn den Musikern der Applaus zu lange dauert, nehmen sie ihre Instrumente und gehen. So selbstbewusst wäre ich gerne.

Finale Grüsse von ROLF

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