Inspektionsreisen durch die Stilwelt

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Bierschwemme

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GRRETINGS FROM BROOKLYN

Es ist ja ziemlich angesagt im Moment, aus ehemaligen Proll-Getränken edle Tropfen zu machen. Gin, der in meiner Jugend teilweise noch in Augenlicht-gefährdenden Brennungen angeboten wurde, ist Gegenstand unzähliger Verfeinerungsversuche, die aus dem Schwarzwald kommen, aus Österreich, aus Hamburg, von Sylt. Von überall. Anscheinend brennt heute jeder seinen Wachholderschnaps. Genauso geht es dem Bier. Und um es gleich vorweg zu nehmen: In beiden Fällen ist es ein Segen. Gin kann man jetzt bedenkenlos bei Zimmertemperatur pur trinken, was ich bisher nur mich schüttelnd von Protagonisten in 80er-Jahre-Romanen wie „Der Sportreporter“ von Richard Ford gelesen habe. Und Bier wird seit einiger Zeit gern, um zu zeigen, welchen Aufstieg es gemacht hat, in Champagnerflaschen angeboten. Zum Literpreis deutlich über 20 Euro, also dem Gegenwert von zwei ziemlich guten Flaschen Wein, solchen, die sogar Peer Steinbrück bedenkenlos trinken würde. Das ist zugegebenermaßen ein wenig fragwürdig. Aber geschmacklich ist das in der Tat sehr reizvoll, was da in die Flaschen gezaubert wird – ohne das höchste deutsche Gesetz, das Reinheitsgebot, zu verletzen. Keine Chemie, keine unzulässigen Zusätze, das würzige, volle Aroma mit exotischen Anklängen von Ingwer und Koriander erreicht man mit verschiedenen Malzsorten, die man zu verschiedenen Phasen des Brauvorgangs, am besten in der Abkühlphase dazugibt. Erfunden haben das die deutschen Edelbrauer aber nicht. Schon seit vielen Jahren bin ich auf diesen Geschmack gekommen, wenn ich mich nicht irre, das erste Mal im Fanelli Café in Soho, New York. Café ist eigentlich ein ziemlich irreführender Begriff, es handelt sich um eine dieser Ur-New-Yorker Bars, immer voll (Bar und Gäste), wo in schummriger Atmosphäre Bier und Burger serviert werden. Dort habe ich mein erstes „Brooklyn Lager“ getrunken. Und es war sozusagen Liebe auf den ersten Schluck. Lange habe ich mich kaum getraut zuzugeben, dass mein Lieblingsbier aus Amerika kommt. A-me-ri-ka! Dem Land mit dem verwässerten Bud(weiser). Aber die kleine Brooklyn Brewery, die von einem ehemaligen Journalisten gegründet wurde, setzte schon früh auf den aromatischen Trick mit verschiedenen Malzsorten. In Deutschland gibt es das seit neustem auch in kleinen Flaschen zu großen Preisen zu kaufen, in den Regalen neben den Bieren in Champagnerflaschen. Vom Fass schmeckt es aber noch leckerer. Das gibt’s hier leider nicht. Wenn man es nicht bis New York schafft, habe ich noch einen naheliegenderen Tipp: Vor allem in besseren Londoner Pubs (u.a. im „Off Broadway“ am Broadway Market) und sogar in Paris, der Stadt der Liebe lohnt es sich die Augen nach dem einprägsamen Logo aufzuhalten (übrigens gestaltet von Milton Glaser, der auch das berühmte „I Love NY“ Logo kreiert hat). Meine Liebe ist immer noch so leidenschaftlich wie beim ersten Schluck.

Durstige Grüße

Jan

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