Inspektionsreisen durch die Stilwelt

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Vom hygienischen Fortschritt

von

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GREETINGS VOM PORZELLAN Achtung, Achtung, eine Weltexclusivgeschichte aus der High-Tech-Stylewelt. Neulich bei einem meiner nostalgischen Redaktionsbesuche. Kaffee gabs – in einer expressionistischen Tasse, die mir bekannt vorkam, obwohl ganz neu, vom Frühjahr 2015. Was ja in Redaktionen schon mal nicht selbstverständlich ist. Meist findet man in der Teeküche eher Becherstapel mit Aufschrften wie „Cuba“, „TUI-FLY“, „RTL“ oder „Teekampagne 1992“ – Beweise journalistisch-umweltbewusster Nachhaltigkeit, die erst schwächer wurde, seit Redaktionen zur Verschlankung einmal pro Jahr umziehen. Der Becher also: feinstes Porzellan mit etwas übertrieben geschwungenem Henkelband und einem Werbeaufdruck „ISH 2015“ – was bewies, dass die Redaktion ihre Reakteure immerhin noch Reisen nach Frankurt ermöglichte, zur weltgrössten Sanitärmesse.

Womit ich, hier zum erstenmal öffentlich gemacht, bei meiner geheim-privaten Sammlung bin: „Fragen aus meinem Leben, die ich besser nie gestellt hätte“. Eine der folgenschwersten betraf nämlich jene Firma – ich muss den Namen verschweigen, warum, wird der Leser am Ende verstehen – jene Firma, die als einer der ganz selten gewordenen Marken sowohl feines Porzellan für den Tisch wie für die Toiletten anbietet. Historisch korrekt – besteht doch der Anfang der modernen Toillettengeschichte buchstäblich aus Schüsseln & Geschirr. Den namensgebenden noblen Firmenchef mit 250 jähriger Markengeschichte fragte ich also, ob es denn ausser dem Grundmaterial irgendwelche aktuellen Synergieeffekte gebe, die auch heute noch WC- und Tischkultur verbinden. Nein, nein, sagte er mehrmals, um zu zwei gefühlt einstündigen Lobesvorträgen über das eine und das andere anzusetzen.

Ich muss dabei so gelangweilt oder enttäuscht oder verzweifelt geschaut haben  – ein alter Reportertrick – , dass er wohl aus Mitleid am Ende doch erzählte: Ja, es gäbe eine Synergie. Und sogar eine sehr spannende und die Firma sei ganz stolz darauf. Das High-Tech-Wissen, wie sich im WC-Bereich bis auf die Molekularebene hinab immer glattere Oberflächen herstellen liessen, an denen einfach nicht die kleinste Spur von was auch immer unschön hängen blieb, all diese Forschungen und Prozessverbesserungen fliessen selbstverständlich auch in die edlesten Tafel-Porzellan-Serien ein. Diese Information hat es damals nicht in mein gedrucktes Interview geschafft. Aber seitdem – ein Bild sagt mehr als tausend Worte, – stammt in meinem privaten Leben das Essgeschirr von einer anderen Firma. Und ich weiss jetzt, warum man Kindern früher immer sagte: Man muss nicht alles wissen. Jedenfalls nicht so genau.

Molekular-hygienische Stylegrüsse sendet ROLF

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