Inspektionsreisen durch die Stilwelt

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Forms - page 19

Gut nachgedacht

von
Antwerpen

GREETINGS FROM ANTWERPEN Wenn ich Architekten-Lieblingsvokabeln höre wie „Stadtraum neu interpretiert“ „Massstabssprung“ oder „Überschreibung“ bin ich immer skeptisch, meist heisst das: wieder ein Ort, den man vergessen kann, versaut durch Egoismus und Größenwahn. Bei einem Zwischenstopp in Antwerpen stieß ich jetzt aber zufällig auf einen Marktplatz, wo ich dachte: Wow, hier stimmen die großen Worte mal, weil hier Gigantomie vermieden wurde. Anlass war, daß ein leider nicht allzu attraktives Theater zusätzliche Notausgänge bauen musste – und wie man das gelöst hat, das finde ich recht clever. Einerseits die Treppen theatralisch und kühn freitragend herausgeführt, darüber dann aber ein ganz leichtes Kunststoffdach auf schlanken Stelen, das zugleich dem Marktplatz ein Stück Hallenfeeling gibt: Öffentlicher Raum besser gemacht und nicht schlechter. Angefangen mit der Idee Wir-Überdachen-Plätze hat, glaube ich, Thomas Herzog zur Expo2000 in Hannover gefolgt dann von Jürgen Maier H. in Sevilla. So was kann auch schiefgehen. Spektakulär beim Kasseler Wilhelmshöhe-Bahnhofsplatz, wo das…

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Kinosterben

von
Nachos

GREETINGS AUS DEM CINEMA Neulich im Kino, genauer, in kleinen Saal eines großen Multiplex-Tempels. Der Film wird gerade leise, romantisch. Plötzlich ein ohrenzerfetzendes Krachen hinter mir, was ist das?! Und woher kommt dieser undefinierbare, leicht stinkende Geruch, der durch den Saal schwebt?! Eine Panne in der Klimaanlage, ein Attentat mit Giftgas? Nö, die Reihe hinter mir genießt Nachos mit warmer Käsesosse. Gab’s vorne am Tresen. Mir wird ein bisschen übel und die Stimmung des Films hat keine Chance mehr. Über den grossfleckigen Teppich in der lärmenden Eingangshalle hatte ich mich nur gewundert, über die absurd großen Cola- und Popcorn-Eimer (die sich nur noch mit beiden Händen halten lassen, was zu abenteuerlichen Verrenkungsszenen beim Kartenabreissen führt) gegrinst. Die Folgen im Kinosaal finde ich nicht mehr lustig, nicht wegen kulturkritisch-theoretischer Bedenken, sondern ganz praktisch: es killt die Atmosphäre. Denn was macht das besondere Erlebnis, den Unterschied zwischen Fernsehen und Kino aus, was lässt…

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Wenn Gärtner zuviel lügen

von
BildGalabau

GREETINGS AUS DER STEINZEIT Ist Lügen und Täuschen für Gärtner eigentlich ein Prüfungsfach? Oder arbeiten sie nur cleverer als andere und wissen genauer, was ihre Kunden wirklich wollen? „Garten- und Landschaftsbau“ heißt ja die Branche offiziell, das klingt nach Grün und Natur – und ist für mich aber immer öfter eine perfide Neusprech-Wortverdrehung wie bei George Orwell. Mit meinem Hund komm ich viel rum, und meist suchen und besuchen wir grüne Flecken und Ecken, wo noch Bäume stehen, also: Parks, Wanderwege, Stadtrand-Wohngebiete. Wenn dort irgendwo ein Wagen mit der Beschriftung „Baumpflege“ parkt, weiß ich, was ich wohl am nächsten Tag sehen werde: nichts mehr – der Baum ist weg, die Pflege war gewollt tödlich, ein geschickt getarntes, scheibchenweises Verschwindenlassen. Die noch größere Gefahr aber droht bei Wagen mit der Beschriftung „Gala“ oder „Garten-/Landschaftsbau“. Früher dachte ich, das wäre ein grüne Branche, die sich um Pflanzen kümmert. Immer öfter aber scheint genau…

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Falsche Fünfziger

von
Fünfziger

GREETINGS VON GESTERN Nein, jetzt keine Klage, daß alle Möbelneuheiten und alle Wohnmagazinseiten so aussehen, als stammten sie aus einem Instagram- oder Hipstamaticfoto. Okay, verstanden: Im Moment ist also das Gestern das neue Morgen, mehr positive Zukunftsbilder gibt’s grad’ nicht. Auch dass jede Menge neue alte Möbel entworfen werden (also von heutigen Designern im Geist und aus dem Formenbaukasten von damals), muss man wohl akzeptieren, ist marktmässig und mangels neuer Ideen konsequent. Mehr Respekt habe ich allerdings vor Firmen wie Gubi aus Kopenhagen, die mit Akribie echte vergessene Schätze der 50er ausgraben. Oder vor Molteni, die sich mit und um die Erschliessung von Gio Pontis Werk verdient macht und dabei auch noch einen Coup landet. Denn Ponti war zeitlebens ein Cassina-Designer, sogar der wichtigste und erste – aber im Cassina–Firmengeflecht hat man vor lauter Le Corbusier-Re-Editionen seinen eigenen Maestro übersehen und sich sein Archiv von Francesca Molteni wegschnappen lassen. Schon dafür…

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Lost in dimension

von
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GREETINGS FOM IMM KÖLN Meine bisher schwersten „greetings from“. Lange zögere ich, sie abzuschicken. Sitze auf der Kölner Möbelmesse/imm im grossen Konzepthaus von Louise Campbell, diesjähriger Designer-„Guest of Honour“, versinke fast in einer endlos langen Matratzenreihe und weiss nicht, was ich von allem rund um mich halten soll. Der britisch-dänischen Designerin zuzuhören, wie sie über Konzepte spricht, ist ein intellektuelles Vergnügen: offen und flexibel müsse das Wohnen der Zukunft sein, Widerspruche versöhnen, Platz lassen für Emotionalität und Rationalität, für Männliches und Weibliches, für Kleines und Grosses und alles dazwischen, ein Ort der Langsamkeit und Ruhe, eine Werkstatt für Handarbeit und Gastlichkeit. Engagierte Gedanken, wunderschöne Worte. Jetzt sitze ich hier in ihrer Haus-Skulptur und sehe von all dem: nichts. Details wie zarte Mobiles, Pflanzen-Collagen, Papierleuchten und Stoff-Jalousien sind liebevoll, aber sie schaffen keine Intimität; die scheunenartige Haus-Hülle ist übergross, aber ich fühle mich in ihr nicht frei, sondern klein und verloren; das bauliche Konzept…

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