Inspektionsreisen durch die Stilwelt

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Einer gegen alle

 

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GREETINGS FROM ANTI-MINIMALISTEN Ein Irrtum, und was für einer. Als 1995 der „Knotted Chair“ im Cappellini-Katalog erschien, war er eine Sensation. Und der bis dahin ausserhalb Hollands kaum bekannte Marcel Wanders  mit seinem ersten Sitzmöbel sofort auf Augenhöhe mit Arad, Morrison und Dixon, den Designer-Superstars der Dekade. Beim geknoteten Sessel sah man weniger die Knoten als die absolute Reduktion des Phänotyps Sessel, er sah aus wie das pure Innenkonstrukt eines Sitzmöbels, dem man alle Polster entrissen hatte  – und der Designer konnte nur ein gewitzter Minimalist sein.

Was für eine Täuschung. Schaut man heute denselben Sessel an, sieht man, genau umgekehrt, vor allem die Knoten, die Schlingen, das Dekorative, denn Wanders erwies sich gegen den Zeitgeist als opulentester Designer seiner Generation. Von A&W wird er jetzt zur Kölner Möbelmesse als „Designer des Jahres“ geehrt und ich durfte ihn für ein Portrait in seinem Amsterdamer Studio besuchen. Ein fasziniereder Tag, voller Widersprüche. Und wie immer sind die Geschichten hinter der Geschichte die interessantesten.

Längst ist Marcel Wanders ein Big Player, weltweit aktiv, der hemmungslos die visuelle Pointe zum Prinzip genacht hat, ohne Schamgrenze. Manchmal macht er kurz vor dem Kitsch halt, manchmal nicht –  im Nahen Osten etwa (und aus holländischer Perspektive liegt schon sein Bonner „Kameha“-Hotel im Nahen Osten ). Egal. Wanders hat einen Kampf gewonnen. Die Eindhovener Designacademy hatte ihn damals rausgeworfen und er hat sich spektakulär gerächt – Ihr Funktionalisten akzeptiert mich nicht? – Ha, ich akzeptiere Euch nicht! Heute gibt er zu, daß er durch lange Phasen der Unsicherheit ging, er sympathisierte mit New-Age und lernte die Psycho-Technik NLP (neurolinguistisches Programmieren). Und ein bisschen New-Age-Esoterik ist  auch immer noch  in seinem Amsterdamer Studio zu spüren. Zwar habe ich, um Franz Beckenbauer zu zitieren, niemanden angekettet gesehen, im Gegenteil,  die Stimmung schien recht entspannt zu sein. Aber genau das ist Pflicht, steht sogar im Arbeitsvertrag, genauer im Mission-Statement, wie das heutzutage so schön heisst, Paragraph Neun: „Jedes Teammitglied lädt die Gruppe mit Energie auf und niemandem ist es erlaubt, unsere Kraft zu schwächen“. Und daß zu jedem Silvester sich das ganz Studio für ein Themen-Tabloid  zu Ehren des Namensgebers  verkleidet, schminkt und posiert, sowas muß man mögen. Aber (nach Til Schweiger:) das Mittel heiligt den Zweck. Am fröhlichsten wirkte der demonstrativ-lässige Marcel Wanders übrigens, als er erzählte, wie er einst seine Freundin dazu brachte, sich für einen Messe-Empfang recht freizügig mit der Sektflasche kopfüber aus einem Wanders-Kronleuchter hängen zu lassen. Auf sowas kommen Minimalisten natürlich nie…

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Lekker-moooije-Grüsse von Rolf

Latest highlights

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Zum Style-Trip zurückbleiben bitte!

GREETINGS VOM UNDERGROUND Wer von den 70ern nicht nur die hässliche Seite sehen möchte, kann das in Berlin tun. Both Sides Now, wie wir Pophistoriker sagen. Auf der U-Bahn-Linie 7 zwischen Spandau und Charlottenburg haben sich Tunnel-Dekore erhalten, die zur Premiere von Architekten als modisch belächt wurden. Heute  gefallen sie genau deswegen: gut konservierter optimistischer Zeitgeist. Entworfen vom …

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Im Zeittunnel

GREETINGS AUS DEN 70ERN Geld stinkt nicht? Doch, ein bisschen müffelt es. Dazu das funzelige Licht. Aber ich will nicht klagen, es hat sich ja gelohnt – einmal falsch abgebogen und ein wissenschaftliches Rätsel gelöst: Es GIBT Zeittunnel. Wer vom Berliner Kurfürstendamm Nr. 207 das gleichnamige Karree betritt und mutig immer geradeausgeht, auch dann noch, wenn die …

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Im Ärztehaus

GREETINGS FROM GESUNDHEITSWESEN Neulich im Ärztehaus (ich schreib‘ mal nicht, welche Stadt): aus Versehen im Fahrstuhl die falsche Taste gedrückt und in der Tiefgarage gelandet. Und gestaunt: wie Krankenwagen sahen die Autos nicht aus. Ach, hätte ich in der Schule doch mehr aufgepasst. Oder wenigstens beim Autoquartett. Neidische Grüsse von Kassenpatient ROLF …

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Färschtet Aisch nedd!

GREETINGS FROM HESSISCH WEIHNACHT Gibt es in Kirchen eigentlich Hausverbot? Ich glaube, in  dieser kleinen romantischen im hessischen Trebur habe ich es, seit gestern Abend. Obwohl ich unschuldig bin – und nur weil ich einen Lachanfall bekommen habe, der sich nicht mehr stoppen ließ. Als Ehemann einer Hessin bin ich über die …

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greetings from Cupertino

von
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APFEL MIT BISS Mein lieber Freund und strenger Designkritiker, ich habe noch Deine Klagen im Ohr, wie furchtbar das neue iOS7 von Apple ist und ich habe Dir auch spontan recht gegeben. Trotzdem habe ich meine Geräte jetzt mit der neuen Oberfläche bestückt. Und … nach wie vor stimme ich zu, dass die Icons eher so aussehen, als seien sie der erste Entwurf gewesen und die jetzt abgelösten die professionelle Weiterentwicklung. Und allein für das „Fotos“-Icon, diese idiotische Regenbogen-Rose, die aussieht wie eine verunglückte Pril-Blume aus den 70ern, müsste der zuständige Grafiker eine nicht unerhebliche Abmahnung bekommen. Aber sonst? Ich bin eigentlich eher positiv überrascht, finde auch sehr viele gute Dinge. Zuerst mal: die Schrift. Superelegant, fein, aufgeräumt, übersichtlich. Kriegt von mir ein dickes „I like!“ Dann so Kleinigkeiten wie die Tatsache, das neue Bilder und Seiten jetzt geschmeidig auf den Bildschirm gleiten, „faden“ sagt man dazu wohl unter Experten. Und…

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